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Sokrates und die alte Kirke: Rede beim Antritt des Rectorates gehalten in de Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität.
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Collegen! Commilitonen!

Hochansehnliche Versammlung!

Die akademische Sitte weist den Rector an, das neue Studienjahr mit der Betrachtung eines wissenschaftlichen Problems von allgemeiner Bedeutung zu eröffnen. Indem ich dieser Sitte folge, lade ich Sie ein, sich mit mir in ein entferntes Zeitalter zu begeben. Fürchten Sie aber nicht, dass ich Sie aus dem hellem Tag, der uns strahlt, in ein unfreundliches Dunkel führe. Nur die Geschichte, die noch nicht vergangen ist, die ein Theil unserer Gegenwart ist und bleibt, hat Anspruch darauf, von Allen gekannt zu werden, und für eine Episode aus dieser Geschichte erbitte ich mir Ihre Theilnahme.

Wie sich die christliche Religion und die griechische Philosophie, oder dass ich besser sage: die griechische Cultur, gefunden und mit welchen Augen sie sich betrachtet haben in dem Momente, als eine der anderen zuerst aufleuchtete, wie sie dann ihre Schätze verglichen haben und Einiges nun in doppeltem Lichte strahlte, Anderes aber erlosch — das ist ein Schauspiel, das zurückzurufen der Betrachtende nie müde werden kann. Aber nicht nur wie ein Schauspiel steht es vor seinen Augen. Die Werthe, die ihn bewegen in Gefühl und That, in der tiefsten Empfindung und in der höchsten Anspannung des Eigenlebens, und wiederum in Familie und Beruf, in Kirche und Staat — alle die Werthe, die den eigentlichen Sinn des Lebens ausmachen, sind geprägt worden in jenem widerspruchsvollen Bunde, der in dem zweiten und dritten Jahrhundert zwischen Griechenthum und Christenthum geschlossen worden ist.

In der That eine Concordia discors, denn von beiden Seiten empfand man Gemeinsames und bemerkte doch Trennendes. Das Gemeinsame waren Güter, aus dem Trennenden entwickelten sich Aufgaben: so sind die Spannungen nicht minder wirksam und segensreich geworden als der doppelt versicherte Besitz.

Dort wie hier aber war es je eine Persönlichkeit, in der alles Hobe zusammengefasst, begründet und verwirklicht erschien. Für das Christenthum ist das ohne Weiteres klar: in der Person Christi wurde das neue Leben mit allen seinen Gütern angeschaut. Aber auch das Griechenthum, sofern es sich als Erhebung über das sinnliche Leben, als ideale Weltanschauung und ernste Sittlichkeit darstellte, besass einen führenden Heros. War er auch nicht so ausschliesslich der Führer wie Jesus Christus, so war er doch die Grösse, vor der bald jeder Grieche sich beugte und die er als den Begründer eines höheren Lebens verehrte — Sokrates. Jesus Christus und Sokrates: die beiden Namen bezeichnen die höchsten Erinnerungen, welche die Menschheit besitzt. Zwar war es Sokrates nicht beschieden, wie Philo, Josephus und Virgil, eine Stelle unter den Kirchenvätern zu erhalten, aber etwas viel Grösseres hat die Geschichte ihm gespendet. Sie hat seinen Namen, wenn auch in weitem Abstande, mit dem Jesu Christi verbunden. Vom zweiten Jahrhundert ab steht diese Verbindung vor den Augen der einpfindenden und denkenden Menschheit als Consonanz und als Dissonanz, vor Allem als ein wundervolles Problem, an dem sich jedes Jahrhundert hat versuchen müssen. Denn es giebt Probleme in der Geschichte, die niemals erledigt werden und die jede Generation neu anfassen muss. Zugleich aber lässt sich hier mit Händen greifen, dass es in der Geschichte der Gedanken die Personen sind, welche die Geschichte machen. Gewiss, sie kamen, weil die Zeit erfüllt war, aber die Weisheit, welche lehrt, dass sie kommen mussten, steht auf der Höhe der Einsicht, dass überhaupt Alles so gekommen ist, wie es kommen musste.

Christus und Sokrates — unter diesem Titel kann man ein grosses Stück der Geistes- und Religionsgeschichte von zwei Jahrtausenden beschreiben. Wie ernsthaft hat sich noch das vorige Jahrhundert um dies Problem bemüht — seine Dichter, seine Philosophen und seine Aufklärer! Hamann’s Tiefsinn, Mendelssohn’s und Eberhard’s klare Verständigkeit, Matthias Claudius’ bewegliche Mitempfindung, Wieland’s weltmännischer Blick, Klopstock’s Begeisterung haben sich an dem Probleme versucht. Einst war Portia’s, der Gattin des Pilatus, Traum, in welchem ihr Sokrates erschien, allen gebildeten Deutschen bekannt, und der Dichter des Messias ist um dieser ergreifenden Episode willen aufs höchste gepriesen worden. Aber auch noch in unserem Jahrhundert, in welchem Weltanschauung, Wissenschaft und Dichtung immer mehr auseinandergetreten sind und der Poet, ja selbst der Philosoph, selten mehr um die höchste Palme ringt, ist das Problem nicht ganz vergessen. Mau braucht auch kein Prophet zu sein, um verkündigen zu dürfen, dass es uns in den nächsten Jahrzehnten wieder mit ganzer Macht beschäftigen wird.

Aber nicht die lange Kette jener Bemühungen gedenke ich Ihnen vorzuführen, sondern, zum Anfang zurückkehrend, möchte ich Ihre Theilnahme für die Frage erwecken, wie von den Christen im vorkonstantinischen Zeitalter Sokrates empfunden und betrachtet worden ist.

Darf ich Sie zunächst an einige Hauptzüge des grossen Philosophen erinnern? Bei Griechen und Römern lebte er fort ausschliesslich in dem Bilde, welches Plato von ihm gezeichnet hatte. Dieses Bild hatte nicht nur seine Verklärung und Weibe, sondern auch seinen wesentlichen Inhalt durch den Tod empfangen. Sieht man von diesem ab, so erscheint Sokrates als ein Sophist im höheren Sinn des Worts, der es verstand, seine Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Wie sie beseitigte er die objective Speculation; wie sie hatte er nur für das Individuum in seinem intellectuellen und moralischen Zustande Interesse; wie sie lehnte er es ab, aus der Sitte und Ueberlieferung die Entscheidung über das Pflichtmässige zu treffen; endlich wie bei ihnen führte auch bei Sokrates die vernünftige Ueberlegung noch nicht zu einem systematischen und geschlossenen Wissen, sondern das begriffliche Denken war ihm nur ein Princip von Fall zu Fall. Aber freilich, an einem entscheidenden Punkte unterschied er sich von deli Sophisten: die vernünftige Ueberlegung führte ihn nicht auf den jedesmaligen eigenen Vortheil des Individuums, sondern letztlich auf etwas Allgemeines, Bleibendes, eine Art von kategorischem Imperativ. In diesem Sinn schloss sich doch bei ihm das Denken zu einer Einheit, einer Art von Weltanschauung zusammen, deren Ausgangspunkt das Innenleben war und die von einem idealen und ethischen Gedanken beherrscht wurde. Aber wie wenig war diese Lehre an und fair sich noch im Stande, wie ein Evangelium zu wirken und epochemachend einzugreifen! Das wesentliche Element fügte Sokrates ihr erst durch seinen Tod hinzu. Der Kerker and der Schierlingsbecher sind die eigentlichen Mittel seiner Philosophie gewesen; denn durch sie hob er seine Lehre aus dem Gebiet der dialektischen Kunst und blosser Worte auf die Höhe der That und verlieh dem ideellen Gedanken schlechthin Autorität und Objectivität. So ist es von Plato, so von den Tausenden nach ihm empfunden worden. In die griechische Welt, in diese heitere Welt der Sinnenfreudigkeit und des Genusses, hat Sokrates die Gewissheit und den Ernst eines höheren Lebens gebracht — der sterbende Sokrates, nicht der lehrende, oder der lehrende nur insofern, als er in der Todesstunde lehrte.

Die Anklage, um deren willen er verurtheilt worden war, erhielt hierdurch einen gam neuen. Sinn. Verurtheilt worden war er, weil er neue Götter lehrte und weil er die Jugend zum Ungehorsam gegen die Eltern und Staatsgesetze verführte: so behauptete die demokratische Reaktion, deren politisches Opfer er geworden war. Seine Schüler und Verehrer mussten umgekehrt überzeugt sein, dass eben das das Gerechte und Gute sei, um dessen willen man ihn verurtheilt hatte. Eine vollständige Umwerthung der Werthe war damit gegeben: unbekümmert um den. Staat, um Sitte und Gewohnheit sich lediglich von persönlicher Ueberzeugung und freier Selbstentscheidung leiten zu lassen, der sittlichen Prüfung nach den höchsten Maassstäben und der innern Stimme allein zu folgen, das ist das Gute. Und noch etwas — Leiden, Entbehrung, Verfolgung, der Tod sind keine. Uebel, sondern können in Quellen der Kraft verwandelt werden; das irdische Leben ist der Güter höchstes nicht, denn es hat ein höheres Leben in sich und über, sich; endlich, selbst die Staatsgötter, die olympischen Götter alle, verblassen an Macht und Autorität vor dem Gott, der tief das innerste erregt. Das sind die Empfindungen und Ueberzeugungen, die Sokrates durch seinen Tod in der Antike entbunden hat. und die die Grundpfeiler einer neuen Weltanschauung iu Griechenland geworden sind.

Es bedarf nicht vieler Worte, damit man erkenne, wie verwandt das alles die Christen berühren musste. Je einfacher und reiner sie ihren eigenen Besitz empfanden, um so deutlicher musste ihnen die Uebereinstimmung sein. Aber andererseits — wie gross war doch wiederum der Unterschied! Dieser Sokrates verlegte alle höheren Güter in das Gebiet der Erkenntniss; sie, die Christen, aber waren angewiesen, alle menschliche Erkenntniss misstrauisch zu betrachten. Er rief zum Wissen, sie aber zum Glauben. Er liess die Götter gelten; sie aber betrachteten sie als Dämonen. Er zeigte den Weg zur Selbsterlösung; sie kannten einen Erlöser und hofften auf ihn. Wie können so viele Gegensätze bestehen bei soviel Gemeinschaft?

Ein Jahrhundert lang hören wir in christlichen Kreisen nichts von Sokrates, nicht einmal den Namen. Paulus schweigt über ihn, obschon er von griechischer Philosophie nicht ganz unberührt geblieben ist. Auch im Gefängniss erinnert er sich nicht an den verhafteten Philosophen. Nicht einmal die Legende hat es gewagt, dem Apostel ein Uriheil über Sokrates in den Mund zu legen, obschon sie ihn mit Seneca zusammenbringt. „Wenn unsere Bekenner etwas Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden“, bezeugen die Christen; aber Sokrates erwähnen sie nicht. Erst um dis Mitte des zweiten Jahrhunderts wird sein Name in unseren Quellen zum ersten Mal genannt, und von nun an verschwindet er nicht mehr.

Es sind die christlichen Apologeten gewesen, die ihn aufgenommen haben, jene Männer, die das Christenthum auf den Boden der griechischen Philosophie, ja überhaupt des Griechenthums, hinüber pflanzten. Und — dass ich es gleich sage — der Erste, der dies mit ungemeiner Energie gethan hat, ist zugleich derjenige, der Christus und Sokrates einander am nächsten gerückt hat, der Apologet Justin. Um das Jahr 150 hat er eine umfangreiche Vertheidigungsschrift für das Christenthum an die Kaiser Antoninus Pius und Marc Aurel, an den Senat und das ganze römische Volk gerichtet. In dieser Schrift streift er nicht nur Sokrates und seine Lehre, sondern die Beziehung auf sie bildet vorn ersten bis zum letzten Blatt ein Hauptmittel der Vertheidigung und des Beweises. Er weiss, dass seine kaiserlichen Adressaten Sokrates über Alles schätzen; deshalb hat er seine Schrift durchflochten mit platonischen Citaten und mit Anspielungen auf die letzten Reden des Philosophen. Aber er selbst ist als Christ ein Verehrer des Sokrates geblieben, und darum argumentirt er zuversichtlich und unbefangen von ihm aus für die Christen und fur Christus. Wir Christen alle erleiden heute das, was Sokrates erlitten hat, weil wir wie er denken und handeln; wir sind mit ihm ungerecht verurtheilt; wir sind mit ihm im Kerker; wir werden mit ihm getödtet und — wir sind mit ihm unverwundbar; denn Anytus und Meletus können uns wohl tödten, aber schaden können sie uns nicht. Das ist keine Rhetorik, das ist auch nicht zufällige Uebereinstimmung, nein —Justin ist tief davon durchdrungen, dass sich in der Verurtheilung der Christen die Verurtheilung des Sokrates wirklich fortsetze. Diese Ueberzeugung muss er beweisen, und er beweist sie; denn so lauten seine Worte: „Als Sokrates die Menschen von den Dämonen abzuwenden versuchte, da haben es diese dahin gebracht, dass er als ein Gottesleugner und Frevler sterben musste; denn sie liessen die Behauptung verbreiten, er führe neue Gottheiten ein. Dasselbe thus sie heute uns gegenüber; denn nicht nur bei den Griechen hat der Logos die falsche Religion durch Sokrates widerlegt, sondern auch bei den Barbaren ist dies geschehen. Dort aber ist er persönlich erschienen und hat als Jesus Christus die Dämonen überwunden.“ Und an einer anderen Stelle: „Alle die mit dem Logos gelebt haben, die waren Christen, wenn sie auch als Gottesleugner galten, wie unter den Griechen Sokrates.“ Und an einer dritten: „Unter allen Philosophen ist Sokrates der beste gewesen; denn er hat Homer und die Götter der Dichter verschmäht, dagegen die Menschen angewiesen, den unbekannten Gott mittelst des Logos zu suchen und zu erkennen; er selbst hat Christus zum Theil erkannt; denn Christus ist die persönliche Erscheinung des Logos, der jedem Menschen inne wohnt.“

Sokrates und Christus gehören also zusammen und werden von Justin der griechischen Religion eutgegengesetzt. Sie gehören aber zusammen, weil ein und derselbe Logos in Beiden gewaltet hat.

Enger kann man die Verbindung nicht fassen; aber Justin ist dabei nicht blind gegenüber dem Unterschied. Dieser Unterschied ist ihm ein gewaltiger; denn, so fuhrt er aus: Sokrates war nur ein Werkzeug des Logos, in Christus aber ist dieser selbst erschienen; weiter, Sokrates hat die Wahrheit nicht vollständig und rein erkannt, denn er besass nicht den ganzen Logos; endlich „dem Sokrates hat Niemand solchen Glauben geschenkt, dass er für seine Lehre gestorben wäre, für Christus aber gehen nicht nur Philosophen, sondern auch Handwerker und ganz ungebildete Leute in den Tod“. Diese letzte Wendung ist ganz besonders lehrreich: Justin vermeidet es, die so nahe liegende Parallele zwischen dem Tod des Sokrates und dem Tod Christi zu ziehen. Dagegen stellt er das Verhalten der Jünger Beider in einen Gegensatz und erschliesst aus ihm die einzigartige Kraft der Predigt Jesu.

In Hinsicht auf Reinheit, Universalität, Fasslichkeit und Ueberzeugungskraft also steht dem Justin das Christenthum hoch über der sokratischen Lehre; aber kein Zweifel — Sokrates und seine Philosophie gehören auf die Seite der Wahrheit und nicht auf die Seite des Irrthums, darum zu Christus und nicht zum Heidenthum. Aehnlich wie Justin haben auch die übrigen griechischen Apologeten geurtheilt, die etwas später geschrieben haben. Sie streifen die Person des Sokrates zwar nur, und er steht ihnen nicht im Mittelpunkt des Interesses, aber sie verehren ihn. Tatian schildert das ganze Griechenthum mitsammt seinen Philosophen in den düstersten Farben, aber Sokrates nimmt er aus: „Es giebt nur einen Sokrates.“ Athenagoras stellt wie Justin die Christen mit dem athenischen Philosophen zusammen: „Wie dieser durch die öffentliche Meinung nichts von seiner Vortrefflichkeit einbüssen konnte, so vermag auch uns Christen die grundlose Verleumdung in Bezug auf die Reinheit unseres Lebens nicht zu schaden.“ Der Philosoph Apollonius erinnert seine Richter, die römischen Senatoren, an die berühmte Stelle aus Plato, wo dieser von dem wahrhaft Gerechten weissagt, er werde gegeisselt, gefoltert, geblendet und zuletzt aufgepfählt werden. Dann fährt er fort: „So wie die athenischen Ankläger über Sokrates ein ungerechtes Todesurtheil abgegeben haben, so haben die Gottlosen auch über unseren Meister und Erlöser das Verdammungsurtheil gefällt; denn die Gerechten sind den Gottlosen stets verhasst.“ Nur einen alten griechischen Apologeten giebt es, der hier eine Ausnahme macht und Sokrates einfach in das blinde Heidenthum einrechnet. Es ist gewiss nicht zufällig, dass dieser Eine zugleich ein Bischof gewesen ist — Theophilus von Antiochien. Er stösst sich daran, dass Sokrates, wie die Ueberlieferung sagt, bei dem Hunde und der Platane zu schwören pflegte, und schloss daraus, dass er nichts von der Wahrheit erkannt habe, und dass daher auch sein Tod sinn- und zwecklos gewesen sei. Jene Schwüre des Sokrates mussten freilich seinen christlichen Verehrern sehr unangenehm und bedenklich sein, aber sie wussten sich mit ihnen abzufinden. Lediglich um die Athener und ihren Glauben zu verspotten, meinten sie, habe Sokrates solche Schwurformeln gebraucht. So gewiss waren sie, dass der Mann, der, wie die christlichen Bekenner, fur seine Lehre gestorben war, unmöglich im Götzendienst stecken geblieben sei.

Er war für seine Lehre gestorben und die Christen starben für ihre Lehre — diese Uebereinstimmung hat selbst die gebildeten Gegner des Christenthums stutzig gemacht,. und noch andere Ver wandtschaften fielen ihnen auf. Celsus, der älteste und tüchtigste litterarische Bestreiter des Christenthums, hat in der Einleitung zu seiner Schrift die gefährdete Lage der Christen mit der des Sokrates verglichen. Leider kennen wir an dieser Stelle den Wortlaut seiner Ausführungen nicht mehr und wissen daher nicht, wie er sich aus dein fur seinen eigenen Standpunkt tödtlichen Vergleich herausgezogen hat. Eben derselbe Celsus behauptet auch, dass die Christen das Gebot, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, einer Anweisung des Sokrates entnommen hätten, und dass auch ihre Unterscheidung einer menschlichen und einer göttlichen Weisheit dieser Quelle entstamme. Der Heide Cäcilius räth den Christen, wenn sie denn durchaus philosophiren wollten, Sokrates nachzuahmen und jene Zurückhaltung in Bezug auf die himmlischen Dinge zu üben, der er sich befleissigt habe. Lucian, der Spötter, behauptet, die Christen hätten einen ihrer hervorragenden Lehrer „den neuen Sokrates“ genannt. Galen gesteht einzelnen Christen zu, dass sie wie wahre Philosophen, also wie Sokrates, die sinnlichen Genüsse und den Tod verachten. Umgekehrt sucht Marc Aurel zu zeigen, dass die Uebereinstimmung des Sokrates und der Christen in der Todesbereitschaft nur eine scheinbare sei; denn jene sei selbstbewusst und voll keuschen Ernstes gewesen, diese aber unbesonnen und prahlsüchtig. Man erkennt deutlich — auch für die Gegner lag hier ein Problem. Nicht nur die Christen nahmen Sollrates fair sich in Anspruch; auch ihre Feinde fanden hier Uebereinstimmungen, die sie in Verwunderung setzten und für die sie nach Erklärungen suchen mussten. Gegenseitig bezichtigte man sich des Plagiats: Sokrätes hat die heilige Schrift geplündert; nein — Christus oder die Christen haben die griechische Philosophie bestohlen. So sehr empfand man das Gemeinsame, und so unfähig war man, es zü erklären!

Aber — kann man einwenden —ist hier nicht Alles herüber und hinüber nur dialektisch-apologetische Kunst gewesen? War es den christlichen Philosophen wirklich Ernst mit ihrer Verehrung des Sokrates? Bei Justin kann darüber kein Zweifel sein und ebensowenig bei der Gruppe von Theologen, die sich unmittelbar ihm anschliesst, den alexandrinischen christlichen Gelehrten. Clemens, Origenes und ihre Schüler haben mit der gleichen Hochachtung von Sokrates gesprochen, wenn sie für Christen und wenn sie für das grosse Publikum geschrieben haben. Der Ausdruck „Hochachtung“ ist noch viel zu schwach: Sokrates war ihnen ein Zeuge der Wahrheit, ja der Zeuge innerhalb der griechischen Geschichte. Nöch mehr: Clemens Alexandrinus hat die ganze Geschichte der griechischen Philosophie von Sokrates ab nicht im Contraste zum Christenthum betrachtet, sondern als Vorhalle desselben wie das alte Testament, und auch Origenes und seine Schiller beurtheilten sie ähnlich. Wie war ihnen das möglich, da sie doch überzeugte kirchliche Christen waren und der Bedeutung der Person Christi nichts abzogen? Nun, möglich, ja selbstverständlich war es ihnen, weil sie in der christlichen Religion nicht ein e Religion sahen, sei es auch die wahre, sondern weil sie sie als die Religion erkannten, auf welche die religiöse Anlage aller Menschen hinweise und die sich in der Menschheitsgeschichte vorbereitet habe. Diese Erkenntniss machte sie nicht tolerant, sondern wahrhaft liberal, d. h. sie wussten das Gute, wo immer es sich zeigte, zu finden und zu schätzen und brachten es mit der christlichen Predigt in Verbindung. Dass die Tugenden der Heiden nur glänzende Laster, ihre Erkenntnisse sammt und sonders Irrthümer seien —von diesem trüben Gedanken waren sie noch weit entfernt. Freilich entfernten sie sich auch von jener Auffassung des Bösen und der Sünde, welche Paulus verkündigt hatte; aber man kann nicht sagen, dass sie die einzige ist, die sich mit dem Evangelium vereinigen lässt.

Wie sehr Clemens und Origenes Sokrates geschätzt haben, erkennen wir am besten an der vollkommenen Unbefangenheit, mit der sie seine Aussprüche als anerkannte Wahrheiten citiren; ja Clemens verbindet sie sogar mit Bibelsprüchen. Origenes thut das nicht mehr; die Bibel steht ihm zu hoch, aber Sokrates ist auch ihm über jeder Kritik erhaben. „Er hat“, sagt er, „im Gefängniss mit vollkommener Furchtlosigkeit und mit aller Seelenruhe so viele und so erhabene Gedanken ausgesprochen, dass ihm kaum die zu folgen vermochten, die vollständig gefasst waren und von keiner drohenden Gefahr beängstigt wurden.“ Nur einmal erscheint seine unbedingte Verehrung erschüttert, wo er sich erinnern muss, dass Sokrates doch auch den Götzen geopfert hat. Aber mit Clemens ist er der Ueberzeugung, dass das Däinonium des Sokrates kein böser Geist gewesen ist, sondern ein Geist des Schutzes und der Wahrheit. Das ist die stärkste Probe ihres Glaubens an den Philosophen; denn es war für jeden Christen ein hartes Stück, dieses Dämonium anzuerkennen. Schon der blosse Name musste abschrecken. Am lehrreichsten aber ist es, zu sehen, wie Origenes in seinem grossen Werke gegen Celsus den Uebereinstimmungen zwischen Sokrates einerseits und Christus und den Christen andererseits nachgeht. Tausend Jahre später haben die Schüler des heiligen Franciskus „Conformitates“ zwischen ihrem Meister und Jesus aufgesucht und zusammengestellt. Dasselbe hat bereits Origenes gethan; nur einige seien angefuhrt: Jesus ist eines schmählichen Todes gestorben, Sokrates auch; Jesus hat gelehrt, den. Tod nicht fur ein Unglück zu achten und ihm gegenüber furchtlos zu bleiben, Sokrates auch; Jesus hat die Sunder zu sich gerufen, Sokrates hat den Phädon aus einem schlechten Hause herausgenommen und ihn der Philosophie zugeführt, von Jesus werden höchst wunderbare und anscheinend unglaubwürdige Geschichten berichtet, von Sokrates auch; Jesu Sprüche und Gleichnisse bedürfen der allegorischen Erklärung, Sokrates’ Mythenerzählungen ebenfalls; aus Jesu Verkündigung endlich hauen sich verschiedene Secten und Schulen entwickelt, nicht anders aus der Lehre des Sokrates.

Diese Hochschätzung des athenischen Philosophen hat Origenes auf seine Schüler übertragen. In der Lobrede, die Gregorius Thaumaturgus seinem Meister gehalten hat, weiss er ihm kein höheres Lob zu spenden als in den Worten: „Wie Sokrates hat mich Origenes gezügelt und geleitet.“ Ebenderselbe Gregorius bezeichnet das sokratische Wort „Erkenne dich selbst“ als das Gebot der tiefsten Weisheit. Ein anderer christlicher Philosoph, Methodius, eignet sich die Auffassung vollkommen an, die Sokrates über den Tod ausgesprochen hat. In die Weltchronik des Eusebius ist Sokrates als der „Philosophos kathartikos“, der Philosoph „der Reinigung“, aufgenommen, der durch „den Wahnsinn“ der Athener den Tod erlitten hat. Damit erschien das christliche Uriheil über Sokrates für alle kommenden Zeiten in einem maassgebenden Werke festgelegt. Aber auch mitten im bewegten Leben und in der Todesstunde haben christliche Märtyrer des 3. Jahrhunderts noch immer des Sokrates gedacht und sich auf ihn berufen, so Pionius und Phileas. „Ich opfere nicht; denn ich wache eifersüchtig über meine Seele. Nicht nur wir Christen than so, sondern auch Heiden; nimm Dir den Sokrates als Beispiel: da er zum Tode geführt wurde und seine Gattin und Kinder neben ihm standen, kehrte er nicht um, sondern nahm bereitwillig den Tod auf sich.“ Aus dem ganzen Gebiet des G r i e c h e u t h ums s ist mir in der Zeit vor Konstantin neben Theophilus von Antiochien, den ich bereits erwähnt habe, nur noch ein Christ bekannt, der sich abschätzig über Sokrates geäussert hat. Dieser Eine — es ist der Verfasser der clementinischen Homilien, und er beschuldigt SOkrates grober Unsittlichkeit —ist aber nur seiner Sprache nach ein Grieche; in Wahrheit ist er ein jüdisch-syrischer Christ. Der griechische Geist liess sich seinen Sokrates nicht rauben, auch dann nicht, als er sich dem Evangelium unterworfen hatte.

Aber wer kann behaupten, dass sich diese Verbindung der Lehre des Sokrates und Christi auf eine vollständige und tiefe Einsicht in die Eigenthümlichkeit Beider gründete? Man darf wohl sagen: sie kam zu früh, und sie floss mehr aus der sittlichen Stimmung, dem Willen und der Verehrung als aus gesicherter Erkenntniss. That man nicht Beiden Gewalt an, indem man sie einander so nahe rückte, und gab man nicht wesentliche Gedanken des Christenthums preis, wenn man hier nur Uebereinstimmungen sehen wollte? Die abendländischen Theologen sind es gewesen, die dies erkannt haben, die Lateiner, die durch kein ursprüngliches Band mit Sokrates und dem Griechenthum verbunden waren. Sie haben den Unterschied und Gegensatz znm Ausdruck gebracht. Aber indem sie das thaten, wurden sie in der Negative ungerecht; denn eine relative und wahrhaft geschichtliche Betrachtung gab es überhaupt noch nicht. Doch haben es nur zwei unter ihnen, Minucius Felix und Novatian, über sich gebracht, den grossen Philosophen als verführten und verführenden Irrgeist, ja als „attischen Schalksnarren“ einfach bei Seite zu schieben. Die beiden einflussreichsten abendländischen Apologeten, Tertullian und Lactantius, haben ein widerspruchvolles Bild des Sokrates entworfen, in welchem aber die ungünstigen Züge weit überwiegen.

Tertullian räumt in seiner grossen Vertheidigungsschrift fill. das Christenthum ein, dass Sokrates die falschen Götter verworfen habe und dass er deshalb verurtheilt worden sei. Daher lässt er ihm den Titel des Weisesten der Griechen. „Er erkannte etwas von der Wahrheit“, sagt er, „und ein gewisser Anhauch derselben hat ihn den Göttern Trotz bieten lassen.“ „In ihm ist die Wahrheit im Voraus verdammt worden, und sein Tod ist das grosse Beispiel, dass sie zu allen Zeiten den Menschen verhasst gewesen ist.“ Auch die Schwurformeln des Sokrates „beim Hunde und dem Holze“ will Tertullian so deuten, dass die Götzen dadurch verspottet werden sollten. In allen diesen Uriheilen, nur nicht in dem letzten, stimmt Lactantius mit ihm überein; er rechnet es aber Sokrates ausserdem noch zu hohem Lobe, dass er sich für das Nicht-Wissen entschieden und die ganze Philosophie in Ethik verwandelt habe. Äber damit ist auch das Lob des Philosophen bei beiden Apologeten erschöpft, und tiefe Schatten verdunkeln es: dieser Sokrates ist doch ein falscher, ja letztlich ein unsittlicher Philosoph gewesen; den christlichen Häretikern, nicht der Kirche, hat er Stoff für ihre Lehren gegeben; er hat die Wahrheit nicht besessen, sondern sie nur gesucht, ja nicht einmal ernsthaft — mit dem Wunsche sie zu finden — gesucht; von einem bösen Dämon. hat er sich leiten lassen; die Jugend hat er zu abscheulichen Lastern verführt, die Weibergemeinschaft hat er empfohlen; im Grunde war er irreligös, denn er verkündete, dass das, was über uns ist, uns nichts angehe, und endlich — auch jenen Anhauch von Wahrheit, der ihn die falschen Götter verachten lehrte, hat er in der Todesstunde eingebüsst; denn er liess dem Aeskulap einen Hahn schlachten!

In dem letzten Urtheil haben Tertullian und Lactäntius die heiligste Erinnerung der Antike, gleichsam ihr Evangelium, anzutasten gewagt — den sterbenden Sokrates. Die Seelenstärke, die er in der Todesstunde bewiesen, seine letzten Reden, das Zeugniss, das er in Wort und That für den Adel und die Unsterblichkeit der Seele abgelegt, hatten ihn zum Heiligen des Alterthums gemacht. Alles Uebrige von ihm und seiner Lehre war verblasst und vergessen; Niemand achtete darauf; um so heller strahlte, der Confessor und der Märtyrer. Diesen wagte Tertullian anzugreifen und in den Staub zu ziehen, und weshalb? Weil er in der Todesstunde befohlen hatte, dem Aeskulap einen Hahn zu schlachten! Alle griechischen Apologeten sind schweigend über diesen dunklen und peinlichen Punkt hinweggegangen; aber auch Tertullian selbst hat gefühlt, dass er die wundervolle Grösse des sterbenden Sokrates nicht durch den ein en Hinweis auf das Hahnenopfer niederreissen könne. Wollte er das Evangelium der Antike vernichten in der Ueberzeugung, dass nicht wahrhaft gross, nicht rein und heilig gewesen sein könne, wer der Offenbarung entbehrte und den Dämonen noch geopfert hat, so musste er Zug um Zug all das Herrliche vernichten, was Plato im Phädon und sonst von dem sterbenden Sokrates berichtet hatte. Lange ist er selbst vor dieser furchtbaren Aufgabe zurückgeschreckt; erst in einem seiner letzten Werke hat er sie vollzogen. Die grosse Untersuchung Tiber .das Wresen und die Unsterblichkeit der Seele, die wissenschaftlich bedeutendste Arbeit, die wir aus seiner Feder besitzen, nöthigte ihn, sich mit Sokrates auseinanderzusetzen. Wer über dieses Thema schrieb, musste zu Plato’s Phädon Stellung nehmen, das war selbstverständlich; aber Tertulliau musste das erst recht, da er im Grunde dasselbe über die Unsterblichkeit der Seele zu sagen hatte, was der sterbende Sokrates gelehrt. Wie wird er ihn also ins Unrecht setzen können? Hören wir seine Ausführungen; mit Bedacht sind sie bereits im Prologe entwickelt, eröffnen also das Werk:

„Im Kerker des Sokrates wurde über den Zustand der, Seele verhandelt. Wenn auch auf den Ort nichts ankommt, so ist mir doch Allem zuvor zweifelhaft, ob die Zeit für den, der hier Belehrungen ertheilt hat, eine gelegene war. Denn was sollte wohl die Seele des Sokrates in jenem Augenblick noch mit Evidenz erkannt haben, da das heilige Schifflein schon vom Lande abgestossen, der Schierlingsbecher bereits getrunken und die Seele, wenn es nach der Ordnung der Natur ging, durch die Nähe des Todes nothwendig in eine gewisse Erregung versetzt war? Wie heiter und ruhig sie auch gewesen sein mag, wie wenig sie sich auch unter die weichen Gefühle der Natur beugen liess, sie war doch in Unruhe durch die Anstrengung, nicht unruhig zu werden, sie war in ihrer Standhaftigkeit erschüttert durch die krampfhafte Niederzwingung. der Schwäche. Weiter, wofür wird ein zu Unrecht Verurtheilter sonst noch Sinn haben als Trostgründe aufzusuchen in Bezug auf die Unbill? Zumal der Philosoph, dieses vom Ruhm lebende Geschöpf! So gratulirte sich denn Sokrates selbst zu seinem Tode, weil es besser sei, ungerecht als gerecht verurtheilt zu werden, und, um seinen Anklägern ihren Triumph zu rauben, demonstrirte er die Unsterblichkeit der Seele. Also stammte die ganze damalige Weisheit des Sokrates aus den Anstrengungen eines tendenziösen Gleichmuttis, nicht aus der Zuversicht der erlebten Wahrheit. Denn wer kann der Wahrheit inne werden ohne Gott? wer Gott erkennen ohne Christus? wer Christum finden ohne den heiligen Geist? Näher liegt es gewiss, bei Sokrates einen ganz anderen Geist anzunehmen; denn man sagt ja, dass ihn von Kindheit an ein Dämon begleitet habe. Indess, wenn selbst dieser Sokrates, den der pythische Dämon als den Weisesten bezeichnet, die Unsterblichkeit der Seele bezeugt hat, um wie viel mehr Gewicht hat das Zeugniss der christlichen Weisheit, bei deren Anhauch die ganze Macht der Dämonen zurückweicht! Sie ist die Weisheit aus der Schule des Himmels; sie leugnet kühn die Götter dieser Welt; sie erweist sich nicht als zweideutig durch den Befehl, dem Aeskulap einen Hahn zu opfern; sie fuhrt keine neuen Dämonen ein; sie verfuhrt die Jugend nicht, sondern lehrt sie Alles, was keusch und züchtig ist. Weil sie so ist, darum hat sie die ungerechte Verurtheilung nicht bloss von Seiten einer Stadt, sondern des ganzen Erdkreises fur die Wahrheit zu ertragen, für die Wahrheit, die um so verhasster ist, je vollkommener sie erscheint. Sie schlürft auch nicht den Tod in heiterem Feierkleid aus einem Becher, sondern muss ihn nebst allen Erfindungen der Grausamkeit am Kreuz und auf dem Scheiterhaufen durchkosten, und sie stellt in dem viel finstereren Kerker dieser Welt ihre Untersuchungen über die Seele mit ihren Phädonen nach den Anweisungen Gottes an. Der wahre Lehrmeister der Seele ist ihr Schöpfer. Von ihm allein sollst du lernen, und wenn nicht von ihm, dann von keinem Anderen; denn wer kann enthüllen, was er bedeckt hat? Dort soll man fragen, wo man, auch ohne Antwort zu erhalten, am sichersten geht. Es ist besser, etwas durch Gott nicht zu wissen, weil er es nicht geoffenbart hat, als durch einen Menschen zu wissen, weil er über werthlose Muthmaassungen doch nicht hinauskommt.“

„Wehe, wehe, du hast sie zerstört, die schöne Welt“ — so muss man ausrufen. Und mit welchen Mitteln zerstört! Wie kreuzt sich in diesen Ausführungen die Ueberzeugung von der unerreichten Höhe des Evangeliums mit abscheulicher Sophistik! Hat Tertullian selbst an diese pfäffischen Ausführungen geglaubt, war es ihm Ernst mit dieser Kritik des sterbenden Sokrates? Ja und nein! Ernst war es ihm mit seiner Theorie, mit dem Glauben, dass die Wahrheit ausschliesslich in der biblischen Offenbarung zu finden sei; aber er hat wider sein Wissen und sein Gewissen gezeugt, wenn er dieser Theorie zu Liebe die Thatsachen beugte und den Sokrates in den Staub zog. Lässt sich doch unschwer bemerken, dass bei Tertullian hinter der ungerechten Verurtheilung noch immer eine scheue Anerkennung unüberwindlich ruht. Der Mann, der einst das herrliche Biichlein „De testimonio animae naturaliter Christianae“ geschrieben hat, vermochte es doch nicht über sich zu bringen, dein Sokrates zum zweiten Mal den Schierlingsbecher zu reichen. Ein Funke griechischer Auffassung lebte auch noch in ihm, jener Ueber zeugung von der Einheit der geistigen und der religiösen Function. Aber — wenn bereits Sokrates fur die Wahrheit gestorben war, was blieb für Jesus Christus übrig. Mit Recht empfand Tertullian, dass hier etwas viel Höheres in die Geschichte eingetreten sei, aber er vermochte dieser Empfindung nur auf Kosten des Sokrates Ausdruck zu geben.

Doch — den letzten Schritt hat erst Augustin Bethau, und zwar durch seine furchtbare Theorie, dass alle Tugenden der Heiden nur glänzende Laster gewesen seien. Erst diese Lehre tauchte Alles in dunkle Nacht, was das Alterthum Erhabenes und Grosses hervorgebracht hat. Aber — wie so oft in der Geschichte — eben wenn eine einseitige Betrachtung bis zur letzten Spitze durchgeführt ist, stellt sich der Umschlag und der Fortschritt in der Methode der Erkenntniss ein. Man kann die augustinische Theorie auch als den Anfang der Einsicht fassen, dass Religion etwas Anderes ist als ein Wissen, dass griechische Philosophie und Christenthum zwei specifisch verschiedene Grössen sind, dass daher jede für sich zu betrachten und nach verschiedenen Maass stäben zu würdigen ist. Das ist der volle Gegensatz zu der Meinung der griechischen Apologeten, beide gehörten einfach zusammen und die eine liesse sich aus der anderen deuten und erklären. Wohl giebt es eine letzte Betrachtung, nach welcher diese Auffassung ein Recht hat, aber zunächst bildete sie ein starkes Hemmniss für das Verstäudniss beider Grössen. Der, welcher sie auseinander gerissen hat, hat damit, ohne es zu wissen und zu wollen, der Erkenntnis einen Dienst geleistet. Auf dem abendländischen Boden, nicht auf dem griechischen, ist, freilich erst nach Generationen die zutreffendere Erkenntnis des Christenthums und auch des Sokrates erwachsen, und heute wissen wir besser als es irgend Jemand im zweiten Jahrhundert gewusst hat, was sie trennt und was sie verbindet. Wir nehmen Christus nicht mehr für die Philosophie in Anspruch und Sokrates nicht mehr für das Christenthum: wir erkennen, dass an die Höhe des Evangeliums nichts heranreicht: aber doch bezeugen wir mit Justin, dass auch in Sokrates der Logos gewaltet hat.

Ich bin am Schlusse, aber ein Doppeltes möchte ich Ihnen, meine Herren Commilitonen, noch ans Herz legen: erstlich, was Sie auch studiren mögen, vernachlässigen Sie die Geschichte sucht, die grosse Geschichte und die Ihrer Wissenschaft. Glauben Sie nicht, dass Sie Erkenntnisse einsammeln können. ohne sich mit den Persönlichkeiten innerlich zu heriihren, denen man sie verdankt, und ohne den Weg zu kennen. auf dein sie gefunden worden sind. Keine höhere wissenschaftliche Erkenntniss ist eine blosse Thatcher eine pede ist einmal erlebt worden. und an dem Erlebniss haftet ihr Bildungswerth. Wer sich damit begnügt, nur die Resultate sieh anzueignen. gleicht dem Gärtner. der seinen Garten mit abgeschnittenen Blumen bepflanzt. Sodann aber —erkennen Sie an der Geschichte des Sokrates, was den wahrhaft grossen Mann macht und was von ihn bleibt. Nur der Theil seiner Philosophie ist geblieben, den er durch die That besiegelt hat, alles Andere ist vergessen. Auch an Sie stellt die Wissenschaft, zu der Sie berufen sind, nicht nur die Anforderung zu forschen und zu lernen, sondern lebendige Zeugen des Wahren und Guten zu werden, Männer, die da bereit sind, um dieser Güter willen jedes Opfer zu bringen. Der Dienst der Wahrheit ist Gottesdienst, und in diesem Sinne sollen Sie ihn treiben.

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